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Die Library of Congress - ein Schatz an historischen Fotografien

LoC - Die größte Bibliothek weltweit

Gegründet in 1800 und in einem umwerfend schönen Bau untergebracht, ist die Library of Congress (LoC) in Washington die größte Bibliothek weltweit. In ihrem Besitz befinden sich rund 155 Mio. Medieneinheiten - Zeitzeugen der amerikanischen Geschichte, ihrer Gesellschaft und den Menschen.

Bücher, Schriftzüge, Malereien, Poster, Ton- und Filmaufnahmen, Zeitungen, archivierte Webseiten und – natürlich Fotografien. Der dokumentarische Wert ist enorm, und man kann sich nur ansatzweise vorstellen welcher Aufwand betrieben wird, um die wertvollen Schätze der weltweiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

G. Eric and Edith Matson Photograph Collection - Library of Congress

G. Eric and Edith Matson Photograph Collection - Eine der Online-Kollektionen der Library of Congress

Ein paar eindrucksvolle Zahlen: Über 900 Kilometer Regale befinden sich in den Magazinen der LoC. Ihr Bestand wächst um 1,8 Millionen Einheiten pro Jahr. Zur Geburtsstunde in 1864 lag er bei 80000 Einheiten und sieben Mitarbeitern. In 1999 war er auf 116 Millionen Einheiten und über 4000 Mitarbeiter angewachsen.

Pro Tag  werden mehr als 8000 Einheiten an „Neuzugängen“ verarbeitet. Über eine halbe Million Anfragen erreichen die Bibliothek jedes Jahr alleine aus dem Kongress.

Die „Prints & Photographs Division“ - online stöbern in mehr als 1 Million digitalisierter Werke

Wir wollen heute einmal den fotografischen Bereich dieses gigantischen Archivs unter die Lupe nehmen.  Die  "Prints & Photographs Division" beherbergt mehr als 15 Millionen Werke, darunter Fotografien, Drucke, Zeichnungen sowie Architektur- und Konstruktionszeichnungen. Mehr als 1 Million davon sind in digitaer Form vorhanden.

In dem Bereich „Prints and Photographs“ findet man dutzende Kollektionen, in denen sich zielgerichtet nach Fotografien suchen und wunderbar in alten Zeiten herumstöbern lässt.

Ein Großteil der Aufnahmen ist historisches Bildgut aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert, oftmals von der US-Regierung selbst in Auftrag gegeben.

Man erhält durch die fotografische Dokumentation der Gesellschaft im politischen Wandel Amerikas teils sehr intime Einblicke in die Lebenssituationen der Menschen.

Neben dem amerikanischen Bürgerkrieg bilden Panoramaaufnahmen und stereoskopische Postkarten den Reichtum dieser Sektion.

LoC Library of Congress - Washington - die fotografische Sammlung

 

Die „Prints & Photographs Section“ ist unterteilt in Portfolios oder Sammlungen. In der Beschreibung der Sammlungen erfährt man, woraus genau sie besteht und wie viele Aufnahmen durch die Mitarbeiter der LoC schon digitalisiert worden sind.

Portfolio #6 zum Beispiel beherbergt amerikanische Natur- und Städtelandschaften im 19. Jahrhundert. Das Tolle: Auch der Laie erhält wertvolle Hintergrundinformation, z.B. zur Geschichte der Panoramafotografie und der technischen Entwicklung der entsprechenden Kameras.

George R. Lawrence

Zahlreiche Aufnahmen, teils von berühmten Fotografen, sind hier gelistet. So auch Werke von George R. Lawrence. Lawrence baute seine eigenen Großformatkameras und hatte sich auf Aufnahmen aus der Vogelperspektive spezialisiert. Nachdem Leitern oder hohe Gebäude für die passende Perspektive nicht mehr ausreichten, benutzte er Heißluftballons.

Frühe Drohne

Nachdem er einen Sturz aus selbigem mit viel Glück überlebt hatte, entwickelte er eine Methode, bei der er gesichert am Boden bleiben konnte: Er befestigte die Kamera an einem selbstgebauten Drachen, den er in die Höhe stiegen ließ. Auf diese Art lichtete er das Stadtgebiet von San Francisco nach dem verheerendem Erdbeben Anfang des 20. Jahrhunderts ab und wurde durch den Druck der Bilder in beinahe allen Tageszeitungen der Welt berühmt. Und reich – die Bilder brachten ihm 15.000 Dollar ein.

 San Francisco 1906 nach dem Erdbeben (LC-USZ62-16440)

George R. Lawrence: San Francisco 1906 nach dem Erdbeben (LC-USZ62-16440, Quelle: LoC)

Auch war er als Meister des Blitzlichtes bekannt: Er verbesserte das damals schon in der Fotografie verwandte Magnesiumpulvergemisch und machte es elektrisch entzündbar. Als Patent von ihm angemeldet, wurde die neue Mixtur schließlich von immer mehr Fotografen als Standard benutzt.

Ansel Adams

Einen weiteren Schatz im Portfolio der LoC stellen die Werke von Ansel Adams dar. Der für seine beeindruckenden Landschaftsaufnahmen berühmte Fotograf lichtete in einer Auftragsserie die amerikanischen Internierungslager für japanisch-stämmige Amerikaner in Kalifornien von 1943 ab.

Die Menschen wurden als Bedrohung für die amerikanische Bevölkerung angesehen und daher in Lagern in Manzana in der Sierra Nevada isoliert. In seinen Bildern dokumentierte Adams sowohl das alltägliche Leben der Menschen in den Lagern beim Einkaufen oder beim Sport als auch die Lagerumgebung an sich sowie die karge Berglandschaft der Umgebung.

Viele Aufnahmen sind ferner Portraits der Bewohner, sogar mit Angaben ihres Berufes. Im Jahre 1965 übergab Adams der LoC 209 Bilder und 249 Negative als Geschenk. Spannend ist hier, dass sowohl Adams’ Negative als auch seine eigenen Vergrößerungen digitalisiert wurden und seine damalige Expertise in der Entwicklung der Negative so gut verglichen werden kann.

Kollodium Verfahren

Spannend ebenso, sich in diesem Zusammenhang einmal mit dem alten Kollodium Verfahren zu beschäftigen. Denn dieses Verfahren machte ab 1851 die Vervielfältigung der Aufnahmen überhaupt möglich.

Wenn es Euch interessiert, schaut mal in diesen FotoTV. Film hinein. Die historischen Bestände dieser Aufnahmen in der LoC werden seit Jahrzehnten nach und nach in einem hochauflösenden Verfahren eingescannt und digitalisiert. Man bekommt eine ungefähre Vorstellung von der Reichhaltigkeit, wenn man mal in die Tiefen der Fotografie-Sparte der LoC eintaucht.

"Die heimatlose Mutter" von Dorothea Lange

Unter den Werken bekannter und weniger bekannter Dokumentarfotografen aus alten Zeiten stößt man auch auf das berühmte Bild „Die heimatlose Mutter“ von Dorothea Lange.

Eine Geschichte des Zufalls: Die Fotografin deutscher Abstammung begann aus Eigeninitiative, die Verarmung der Bevölkerung in den USA nach dem Börsencrash 1929 in Bildern von obdach- und mittellosen Menschen in den Straßen festzuhalten.

Die Fotos zeigen häufig Mütter, Kinder oder Familien, an den Essensausgabeplätzen auf Lebensmittel wartend oder gegen die widrigen Umstände wie Hunger und Geldnot demonstrierend.

 LoC)

Dorothea Lange: Migrant Mother (ID: fsa 8b29516, Quelle: LoC)

In diesem Zuge und nach einer Ausstellung ihrer Serie über Hafenarbeiter wurde Dorothea Lange für die „Resettlement Administration (RA)" engagiert.

Die RA hatte sich zum Ziel gesetzt, den Bauern mit ihrer Landbewirtschaftung zu helfen und dokumentierte daher insbesondere das Landleben sehr intensiv. Die Aufnahmen der RA waren Bestandteil des US-Regierungsprojektes der „Farm Security Administration - Office of War Information“ (kurz: FSA/OWI), welches während des Zweiten Weltkrieges ins Leben gerufen wurde.

Rund 175.000 Schwarz-Weiß Negative, teils auch belichtet, bilden einen Bestand dieser Sammlung. Ein weiterer besteht aus eindrucksvollen Farbfotografien der „großen Depression“.

Wie kam es also zu dem weltbekannten Foto dieser Frau? Eines Tages, auf dem Rückweg zum RA-Office, lief Dorothea Lange einer Frau über den Weg, die mit ihren Kindern am Eingang eines Zelt hockte. Die Fotografin spürte wohl den besonderen Moment, zückte ihre Kamera und die Frau ließ sie gewähren, möglicherweise in einem Gefühl der Resignation ob ihrer aussichtslosen Lage.

Eine dieser Aufnahmen wurde im Rahmen einer Dokumentation über die vorherrschende Wirtschaftskrise der USA 1936 in den San Francisco News veröffentlicht, verbreitete sich binnen weniger Tage im ganzen Land und gilt seitdem quasi als fotografisches Symbol der großen Depression der Vereinigten Staaten in dieser Zeit.

Bedeutender historischer Dokumentationswert

Dem historischen Dokumentationswert des riesigen Archives der LoC kommt also eine ganz besondere Bedeutung zu. Nach dem Erschaffer der Fotografien sucht man häufig vergeblich – denn die Qualität der Überlieferung von Bildern hing früher oft vom Zufall ab.

Oft wurden Informationen zum Erschaffer nicht gesichert oder es wurde hierzu keine Angabe gemacht. Um dem rechtmäßigen Anspruch des Urheberrechtsschutzes genüge zu leisten, gibt es einen umfassenden Katalog an Regelungen und Empfehlungen zum Umgang mit dem Bildgut der LoC.

Ein Großteil der Fotos wurde jedoch von Behörden im Auftrag der US Regierung hergestellt und unterliegt somit nach US-amerikanischem Urheberrecht der „public domain“, ist also als Gemeineigentum für die Öffentlichkeit frei zugänglich.

In Deutschland gilt nach wie vor die 70 Jahre „post mortem-Regel“ - Fotografien sind bis 70 Jahre nach dem Tod des Urhebers geschützt.

Allerdings hat ein Großteil der Bilder der LoC längst die Altersgrenze von 70 Jahren passiert, insofern ist die Frage nach dem Urheberrechtschutz hier meist obsolet.

Viele der Fotografien sind als freie Downloads verfügbar

Die Mehrzahl der digitalisierten Fotografien sind frei verfügbar und werden in verschiedenen Größen und Formaten zum Download angeboten.

Ein wahrer Schatz...

 LoC)

Ein seltenes Bild: Der Vier-Zylinder-Motor der Gebrüder Wright im Flugapparat 1903 (ID: ppprs 00652, Quelle: LoC)

LoC - erster Partner der Flickr Commons

Zurück in die heutige Zeit: Ein weiterer Aspekt der LoC ist hochinteressant - die Flickr Commons. Das Fotoportal hat sich zum Ziel gesetzt, weltweit bestehende Fotografie-Archive zu vereinen und auf einer einzigen Plattform der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen.

Die Library of Congress öffnete 2008 im Rahmen eines gemeinsamen Pilotprojektes als erster Partner ihre Archive für die Flickr Commons.

Mit jeweils rund 1500 Fotografien aus zwei Sammlungen der LoC ging es los, und seitdem helfen mittlerweile etwa 60 Galerien, Museen und Archive der ganzen Welt, unter anderem zahlreiche Nationalbibliotheken, wertvolle historische Fotografien für die Allgemeinheit restriktionsfrei zu veröffentlichen.

Die Organisation Creative Commons stellt Urhebern Lizenzverträge zur Verfügung, um ihre Werke rechtlich abzusichern. Momentan gibt es in Deutschland sechs dieser Lizenzen.

Sie können auf alles angewendet werden, was auch unter das normale Urheberrecht fallen würde. Durch die CC-Lizenz können den Nutzern aber mehr Rechte abgetreten werden. Die Lizenzen gehen von der einfachen Namensnennung bis zur nicht kommerziellen Weitergabe ohne Änderung am Werk.

Die Bilder mit dieser Lizenz können frei verwendet werden. Flickr will damit weltweit vorhandene Fotoarchive katalogisieren und für jedermann zugänglich machen. Die LoC hatte das Ziel, einen einfachen Zugang wiederum zu ihrem Archiv zu ermöglichen bzw. die Aufmerksamkeit darauf zu lenken. Ende 2010 z.B. hat die LoC tausende Bilder aus dem amerikanischen Bürgerkrieg an Flickr zur Veröffentlichung online gestellt.

Den Flickr Account der LoC findet Ihr hier:

https://www.flickr.com/photos/library_of_congress/sets

Wie Ihr seht – die Library of Congress birgt einen lehrreichen Schatz an historischen Bildern mit spannendem Hintergrund, wahren Charakterstudien und teils sehr persönlichen, kuriosen Geschichten. Schaut unbedingt mal vorbei und taucht ein in diese Bilderwelten - sei es im Rahmen einer Recherche, einer geplanten Ausstellung oder um Euren Kindern einfach nur spannende Geschichten zu erzählen.

The Library of Congress
101 Independence Ave, SE
Washington, DC 20540

Hier der Link zur Library of Congress: http://www.loc.gov/

Wenn Ihr Euch für die Geschichte der Fotografie oder historische Verfahren interessiert, schaut Euch doch auch mal diese Filme an:

Fotomuseen, Geschichte der Fotografie, Das deutsche Film- und Fototechnik Museum

Geschichte der Fotografie Camera Obscura

Geschichte der Fotografie Daguerre

Die Geschichte der Portraitfotografie mit Florian Heine

Geschichte der Fotografie, Entwicklung der Farbfotografie

Kollodium-Nassverfahren

Kollodium-Nassplatte 1

 

 

 

 

 
2. Juni 2015 - 13:22

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