You are here

Gibt es wirklich nur zwei Lichter?

Ein neuer Blick auf die Essenz der Portraitfotografie

Häufig neigen wir in der Fotografie dazu, Dinge unglaublich kompliziert zu machen. Wenn du dich durch Online-Foren, Tutorials oder durch Fachliteratur wühlst, stolperst du unweigerlich über hochkomplexe Lichtkonfigurationen: Drei-Punkt-Licht, Zangenlicht, Rembrandtbeleuchtung mit unzähligen Reflektoren und Abschattemasken. Manchmal verliert man vor lauter technischer Finessen den Blick für das Wesentliche.

Kürzlich stand ich wieder einmal am Set für einen Filmdreh für FOTOTV. – dieses Mal mit dem fantastischen belgischen Fotografen Paul Croes. Paul hat eine wunderbare, fast schon minimalistische Art zu arbeiten. Nach dem Dreh, als wir bei einem Kaffee zusammensaßen und über die Essenz der Lichtsetzung philosophierten, sagte er mir einen Satz, der mir seitdem nicht mehr aus dem Kopf geht:

„Im Grunde, Marc, gibt es in der Portraitfotografie doch nur zwei wesentliche Lichter: Ein Fensterlicht von der Seite und ein Beautylicht von oben.“

Zuerst stutzte ich. Nur zwei Lichter? Doch je länger ich darüber nachdenke, desto schlüssiger wird es. Wenn wir alle komplizierten Setups auf ihr echtes Fundament reduzieren, landen wir tatsächlich bei diesen zwei Urformen der Ausleuchtung.

 

Die zwei Urformen: Charakter und Makellosigkeit

Das erste Licht ist das klassische Fensterlicht. Es kommt von der Seite, wirft weiche Schatten auf die abgewandte Gesichtshälfte und modelliert Formen. Es ist das Licht des Impressionismus, das Licht der Maler. Es schafft Plastizität, Tiefe und erzählt Geschichten. Es zeigt Strukturen, Linien und damit puren Charakter.

Das zweite Licht ist das sogenannte Beautylicht. Die Lichtquelle befindet sich hierbei über dem Motiv und strahlt von oben nach schräg unten – das Motiv ist leicht nach hinten versetzt. Das Besondere an diesem Licht: Es sorgt für eine nahezu schattenfreie, vollkommen gleichmäßige Ausleuchtung des Gesichts. Fältchen, Unebenheiten und Schatten unter den Augen werden sprichwörtlich weggespült. Es ist ein schmeichelhaftes, sauberes und harmonisches Licht.

Unser Kurs Studio-Lichtbaukasten mit Andreas Bübl

 

Die verblüffende Analogie: Beautylicht über der Arbeitsplatte

Nun fragst du dich vielleicht: Schön und gut, Marc, aber was hat ein professionelles Studio-Beautylicht mit meinem Alltag zu tun? Die Antwort ist verblüffend simpel. Geh gedanklich einmal in eine Küche. Wenn du dort an der Arbeitsplatte stehst und Gemüse schneidest, hast du genau dieselbe visuelle Herausforderung wie ein Portraitfotograf am Set. Du benötigst ein Licht, das dich nicht blendet, das dir keine harten Schatten deiner eigenen Hände auf das Schneidebrett wirft und das die echten Farben deiner Zutaten unverfälscht wiedergibt. Du brauchst also ein Licht, das Schatten minimiert und absolute Klarheit schafft – exakt wie das Beautylicht im Studio.

Genau das leistet eine hervorragende Unterbauleuchte. Wenn du in deiner Küche unter den Oberschränken eine gleichmäßige, flächige Lichtquelle installierst, die diffus nach unten auf die Arbeitsfläche strahlt, hast du physikalisch gesehen ein perfektes Beautylicht für dein Gemüse gebaut. Wer eine optimale Unterbauleuchte für Küchen sucht, sollte daher genau auf diese Eigenschaften achten: hohe Farbwiedergabe (CRI-Wert) und eine absolut homogene, schattenfreie Lichtverteilung über die gesamte Arbeitsfläche.

 

Warum das Küchenlicht nicht ins Wohnzimmer gehört

Doch Vorsicht: Was in der Küche für die nötige Klarheit sorgt, würde im Wohnzimmer jede Gemütlichkeit im Keim ersticken. Im Wohnbereich ist das Äquivalent zum Fensterlicht gefragt. Hier wollen wir kein flaches, schattenfreies Licht, sondern Atmosphäre. Und Atmosphäre entsteht erst durch das spannende Wechselspiel von Licht und Schatten. Ein sanftes Streiflicht von der Seite, das Strukturen an der Wand betont oder eine Leseecke gemütlich einrahmt, schafft die behagliche Tiefe, die wir zum Entspannen brauchen. Ein gleichmäßiges, schattenfreies „Küchenlicht“ wäre im Wohnzimmer vollkommen fehl am Platz – es würde den Raum flach und steril wirken lassen.

„Gutes Licht zeichnet sich nicht dadurch aus, dass es kompliziert ist. Es zeichnet sich dadurch aus, dass es exakt die Funktion erfüllt, die die Situation erfordert – ob es nun das atmosphärische Spiel im Wohnzimmer oder das blendfreie Arbeiten in der Küche ist.“

 

Struktur im Kopf, Klarheit im Bild

Nächstes Mal, wenn du deine Kamera für ein Portrait in die Hand nimmst oder das Licht in deinen eigenen vier Wänden planst, halte kurz inne. Reduziere das visuelle Chaos im Kopf. Frage dich: Möchtest du Plastizität, Tiefe und Stimmung wie beim Fensterlicht im Wohnzimmer? Oder suchst du die weiche, funktionale Schattenfreiheit eines Beautylichts, wie du es an deiner Küchenzeile schätzt? Wer diese zwei Grundprinzipien versteht, braucht keine komplizierten Rezepte mehr, sondern gestaltet Licht von nun an völlig intuitiv.

Unser Film "Drei Settings mit Fensterlicht"

17. Juli 2026 - 14:48

Alle Beiträge zum Thema Lichttechniken